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Kleinod im Nirgendwo – Die Quill Ranch

September 4, 2016/Travel

Zwischen der Wirklichkeit und dem Paradies liegen exakt 15 Kilometer staubige Schotterpiste. Weil ich am Telefon auf die Frage nach einer Adresse für mein Navi nur ein trockenes Lachen und stattdessen eine detaillierte Wegbeschreibung bekommen habe (hier draußen gibt es keine Adressen!), bahne ich mir nun also etwas unsicher den Weg durch die friedlichen Porcupine Hills, einer sanften Hügellandschaft im südlichen Alberta, Kanada. Hier gibt es sehr viel Weite. Und sehr viel Nichts. Weideland so weit das Auge sehen kann. Ich könne die Ranch gar nicht verpassen, animiert mich Brian Delinte noch am Telefon, denn genau da wo die Schotterstraße aufhöre fange sein Land an. Und so ist es dann auch. Ich rumpele mit meinem Vier-Rad-Antrieb über ein Viehgatter im Boden und bin da. Das ist also der Ort, an dem noch echte Cowboys leben.

Tiere sind hier der Hauptmittelpunkt des Tagesablaufes. Morgens um halb sechs kann es schon mal los gehen mit der Arbeit, manchmal ist erst um 23 Uhr Schluss, je nachdem was ansteht. Um die 100 Rinder, 100 Schafe, 35 Quarter Horses und sieben Hunde leben auf oder an der Quill Ranch. Die Arbeit mit Ranch Roping Pferden (selbst ausgebildet, versteht sich) steht im Mittelpunkt – auf einer ganz außergewöhnlichen, achtsamen Ebene. Man geht vertrauensvoll und ehrlich miteinander um, sonst wären Halbtages – Ausritte bei Wind und Wetter durch tiefste, teils sehr wilde Natur schnell unangenehm. Das Wetter kann schnell umschlagen; der Wind windet sich manchmal in eisiger Schönheit wie eine listige Schlange über die Berghügel. Ich habe Glück: es ist Ende Mai und schon fast Sommer. Die kommenden zwei Wochen auf der Quill Ranch werden mein Leben dauerhaft verändern, das weiß ich jetzt nur noch nicht.

Was für Andere ein lang ersehnter Lebenstraum ist beginnt für mich mit einem neugeborenen, schwarz glänzendem Kälbchen, das oben in den Bergen etwas ab der Herde in einer grünen Senke liegt und nicht alleine aufstehen kann. Die Vorderbeine sind nicht richtig entwickelt, die Kleine mit den größten Klimperaugen auf der Welt ist höchstens einen Tag alt und wird ab sofort also alle vier Stunden von mir mit der Flasche gefüttert. Meine erste Lektion, die mich Brian lehrt: Geduld und Zuversicht. Gar nicht so einfach als Deutsche, die immer pünktlich und „auf Zack“ ist….Anfangs sieht es für mich so aus als würde „TLC“ ihre ersten Tage nicht überleben, aber mit Ruhe, Pflege und ein paar Multivitaminen bekommen wir sie tatsächlich wieder auf die Beine.

Es gibt hier immer was zu tun, aber nie macht sich Hektik breit. Ich lerne wie man Stacheldrahtzäune setzt, wie man eine tragende Kuh erkennt, wie man mit Hütehunden arbeitet. Wir reiten stundenlang über die sanften Hügel, allein für den Blick auf die noch teils mit Schnee bedeckten Canadian Rocky Mountains am Horizont hat es sich mehr als gelohnt hierher zu kommen. Ich sitze auf meinem Pferd, schnappe nach Luft, wir sehen scheue Kojoten und wilde Truthähne und riesige Hirschkühe, die mit einem einzigen Sprung über den Stacheldrahtzaun fliehen, den wir vor ein paar Tagen erst gesetzt haben. Wahnsinn. Zu sehen wie dieser Mann mit einer scheinbar endlosen Geduld seinen Alltag bestreitet macht nachdenklich. Es scheint als gäbe es hier kein Zeitkonzept. Nicht ein einziges Mal höre ich „wir müssen uns beeilen“ oder „wir sind aber spät dran“ – tatsächlich nimmt sich Brian bei Allem genau so viel Zeit wie die Situation benötigt. Wer plant schon, dass die Longhorn-Jährlinge ausbrechen, weil sie von etwas aufgescheucht wurden (Bären und Pumas sind hier keine Seltenheit) und geschickt unter dem Zaun durchgekrabbelt sind? Eine weitere wichtige Lektion: „The quickest way to move cattle fast is to go slow“. Diese halbwilden Rinder lassen sich schlichtweg nicht gern hetzen. Und so nehmen wir uns Zeit und fangen alle Tiere in Ruhe wieder ein.

Ein paar Tage später darf ich bei einem Branding in der Nachbarschaft zusehen. Gefühlt kommt die halbe Gemeinde zusammen, Cowboys und -girls in staubigen Boots und mit klaren Augen reiten auf ihren Pferden, die vom Trubel völlig unbeeindruckt sind. Sie trennen erst geduldig die Kälber von den Muttertieren und fangen dann – wieder mit einer Ruhe, die sich für mich als Durchschnittsdeutsche einfach nur mit offenem Mund zu ertragen lässt – nach und nach jedes Kälbchen mit dem Lasso, um es dann am Boden zu fixieren und zu impfen, ihm ein Brandzeichen zu verpassen und gegebenenfalls zu kastrieren. Es geht alles schnell aber komplett ohne Hektik. Bevor die Tiere panisch werden sind sie schon wieder auf ihren Beinen. Mittendrin die Reiter auf ihren präzisen, ausgeglichenen, absolut vertrauenden Quarter Horses. Kein Tier scheut. Alle arbeiten mit stoischer Entspanntheit und Präzision.

Nach getaner Arbeit werden erst die Tiere versorgt, für uns Menschen gibt es eine Vielzahl an fantastischen selbst gemachten Speisen, dazu kaltes Bier und warme Geschichten aus dem Leben. Eine alte Gitarre wird rausgekramt, es wird langsam stockdunkel, man rückt näher ans knisternde Feuer, singt alte Countrylieder und erzählt sich Geschichten über den Alltag, der hier mit unbändiger Liebe geführt wird. Man spürt neben der harten Arbeit in den Gliedern auch das Glück, das dieses Leben mit sich bringt. Und lernt am Ende so viel mehr. Mehr als Lasso werfen.

Autor: Rieke Bargmann www.riekebargmann.de  und  www.wegnachhause.tumblr.com
Fotos: Rieke Bargmann und Tim Jansen. Alle Rechte vorbehalten!

www.quillranch.com

Brian Delinte Kurse in Deutschland

Im Oktober 2016 ist Brian in Deutschland! Er gibt Ranch Roping Kurse in der Eifel und in Hessen. Eine perfekte Möglichkeit Ihn kennenzulernen und eventuell auch einmal die Möglichkeit zu bekommen bei Ihm auf der Ranch zu arbeiten.

Hier gibt es mehr Informationen dazu

Comments (1)

  • Reinhold / September 29, 2016 / Antworten

    Hi Tim,
    sehr schön geschrieben. Da kommen Erinnerungen wach bei mir an mein viel geleibtes Alberta.
    Watch your Dally
    Reinhold

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